Tante Ida
Tante Ida an ihrem Spinnrad

Das vergessene Buch der Tante Ida

Vor einigen Jahren fand ich meine große Liebe und zog bald zu ihm, in sein kleines altes Häuschen, welches er von seiner Großtante Ida bekommen hatte.

Tante Ida war eine taffe Frau, lernte den Beruf der Krankenschwester und arbeitete während des Krieges im Lazarett. Sie blieb ledig.
Nach dem Krieg arbeitete sie als „Baumologin“ in der Gärtnerei vom Hotel Bad Schachen in Lindau.
Ida war eine unglaublich beliebte, herzliche, hilfsbereite und gastfreundliche Frau, deren Türe stets für ihre zahlreichen Gäste offen stand. Sie war nicht nur Gärtnerin, sondern auch Imkerin und besaß ein Bienenhaus mit einigen Bienenvölkern. Die Bienenschwärme fing sie mit nackten Händen – das macht sonst nur Chuck Norris.

Sie hatte einen großen Bauerngarten voller bunter Blumen und versorgte sich so gut wie möglich selbst aus ihrem Garten. Ida kochte Früchte ein, spann Wolle auf ihrem Spinnrad zu Fäden und webte ihre Teppiche und Decken selbst.
Eine Heizung gab es nicht, nur ein offenes Feuer in der Küche. Sie saß oft auf ihrem Schaukelstuhl, eingewickelt in ihre Decken und las.

Bevor wir einzogen, renovierten wir das Haus und dabei fand ich in einer Kommode auf dem Dachboden ein altes zerfleddertes Buch. Tante Idas Tagebuch. Ein wahrer Schatz.

Ich fand dort das Rezept ihrer berühmten Marmelade, wie sie die Hühnereier und Kartoffeln über den Winter aufbewahrte, was es beim Einkochen zu beachten gibt, zahlreiche Brotrezepte, ihre Eindrücke und Beobachtungen von der Natur, ihren Garten und einige Seiten über die Bienen.

Dort stand unter anderem, dass sie um ihr Brot frisch zu halten, es in ein wachsgetränktes Leinentuch wickelte. Wir probierten nach und nach ihre Rezepte aus und irgendwann auch das Brottuch und waren begeistert.

Meine Mutter – ebenfalls eine Frau mit großer Liebe zur Natur, ihrem Gemüsegarten und allem was kreucht und fleucht – übernahm nach dem Tod ihres Vaters seine Bienenvölker und führte sein Erbe fort. Sie versorgte uns mit leckerem Honig und anderen Spezialitäten aus ihrem Garten und hat für jedes Zipperlein ein Kraut.

 

Eines Tages flog uns ein Bienenschwarm zu, der mit lautem Getöse unter unserer Eingangstreppe in einen ausrangierten Lautsprecher für den Sperrmüll einziehen wollte.
Voller Panik rief ich meine Mutter an, was nun zu tun ist. Freudig fing sie den Bienenschwarm ein. Meinem Freund und mir kam Tante Ida wieder in den Sinn. Wenn die Bienen sich ihren Garten ausgesucht haben, dann gehören sie hier auch hin! Wir stellten das Volk bei uns auf und erfreuten uns täglich an ihrem Summen. Einige Kaffeepausen wurden von nun an bei den Bienen verbracht um sie zu beobachten.

Von den Bienen ging eine große Faszination aus. Daraufhin baute ich zusammen mit meiner Mutter unsere Imkerei auf.


Vor einiger Zeit kamen wir im Urlaub in Übersee wieder in Kontakt mit den Bienenwachstüchern und erinnerten uns an Tante Idas Tagebuch.
Wir tüftelten einen ganzen Winter um die perfekte Rezeptur herzustellen und verschenkten Idas Brottuch an unsere Freunde. Die waren so begeistert, dass wir nun stolz sind, auch euch unsere Bienenwachstücher anbieten zu können.